BESTIARIUM: GREIF

BESTIARIUM: GREIF

Montag, 7. August, 2017

Der späte Frühlingssturm hatte ihren Spähtrupp überrascht und drückte sie nun gegen eine Felszunge. Dicke, dunkle Wolken brachten eine frühe Dämmerung mit sich, die nur gelegentlich durch einzelne Blitze erhellt wurde. Wilem schaute die anderen Späher an und sah seine eigene Erschöpfung in ihren todmüden Gesichtern widergespiegelt.

„Schaut doch nicht so mutlos drein! Der Regen wird unsere Spuren verwischen“, sagte er. Er zwang sich zu einem Lächeln und klopfte Maiele auf die Schulter. Der ruhige Elkin schnaubte nur, und die Furchen auf seiner Stirn vertieften sich. Über der Felsnase begann der Wind zu heulen und machte jedes weitere Gespräch unmöglich. Wilems Lächeln verschwand und er lehnte sich an die Klippe, um den Sturm zu beobachten. Die Verzögerung ihrer Mission machte ihm nichts aus: Niemand von ihnen war dem Kommandanten wirklich Rechenschaft schuldig.

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Wilem schreckte auf und war plötzlich hellwach. Sein Herz hämmerte in seiner Brust, aber als er sich umschaute, konnte er nicht erkennen, warum. Selbst in der Dunkelheit – die Sonne war vor mindestens einer Stunde untergegangen – konnte er die stillen Körper seiner drei Gefährten erkennen, die sich an die Felsen gedrückt hatten und tief und fest schliefen. Auf Wilems Stirn bildete sich kalter Schweiß, der mit dem weiterhin fallenden Regen nicht das Geringste zu tun hatte. Er atmete langsam und zitternd ein. Schlief die Gruppe, musste eine Wache aufgestellt worden sein. Üblicherweise war Maiele der erste, der sich dafür freiwillig meldete, aber als Wilem sich umsah, konnte er den vertrauten Umriss des Elkin nirgendwo sehen. Die Haare in seinem Nacken stellten sich auf. Zu seiner Linken, wo die restlichen Späher schliefen, hörte er einen dumpfen, aber deutlichen Schlag. Er erstarrte, alle seine Muskeln bis aufs Äußerste angespannt.

Niemand in der Gruppe bewegte sich.

„Maiele?“, flüsterte er mit gepresster Stimme. Keine Antwort, nur ein protestierendes Knurren von einem der schlafenden Körper. In der Ferne grollte Donner, aber Wilem hätte schwören können, dass er darunter noch ein anderes Geräusch vernahm. Eine Art feuchtes Kratzen, als würde etwas langsam durch das Unterholz gezogen. Wilem kam auf die Knie und spähte verzweifelt in die Dunkelheit. Lagen wirklich alle drei seiner Gefährten noch da?

Auf der anderen Seite der Gruppe sah er plötzlich eine Bewegung, mit der sich ein Schatten von der Klippe schwang und auf dem Boden aufkam. Der gleiche dumpfe Schlag, der ihm zeigte, dass der Schatten ein gewisses Gewicht hatte. Wilem lehnte sich nach vorne und wartete verzweifelt auf einen Blitzschlag. Als Spähtrupp hatten sie keine Fackeln bei sich, das wäre zu auffällig gewesen. Aber selbst in der Dunkelheit konnte er erkennen, wie sich der Schatten nach hinten bewegte, konnte sehen, wie er einen seiner Gefährten in die Nacht davonzerrte.

Wilem erstickte beinahe an dem Schrei, der in seiner Kehle steckenblieb. Er hörte einen weiteren Schlag, diesmal lauter. Dieser war ganz nahe, nur Zentimeter von ihm entfernt. Langsam wandte er den Kopf. Endlich kam der ersehnte Blitz und erhellte seine Welt für einen Moment. Mehr als ein Moment war auch nicht nötig. Ein kantiger, mächtiger Schnabel saß auf einem glänzenden Kopf. Riesige Flügel, die großes Gewicht tragen konnten, nun aber zusammengefaltet waren und kaum den Boden berührten. Die Federn wurden zu Pelz und endeten in angewinkelten, katzenartigen Hinterbeinen. Es war eindeutig die Form eines Greifen.

Endlich konnte er schreien, aber es war zu spät. Die Beine des Wesens spannten sich an und es sprang vorwärts, als die Welt erneut in Dunkelheit versank. Wilem warf die Arme nach oben, um sich zu verteidigen – aber keine scharfen Krallen bohrten sich in ihn. Im Zwielicht konnte er gerade so Maiele erkennen, der sich aus den Schatten auf das Wesen stürzte. Er erwischte den Greifen mitten im Sprung und krachte in dessen Rippen, wodurch er ihn aus dem Gleichgewicht brachte. In einem Wirbel aus Federn und unter lautem Kreischen krachte das Biest auf die Seite, von seinen riesigen Flügeln behindert. Wilems Instinkte gewannen wieder die Oberhand. Er schnellte auf den Greifen zu und zog seinen Dolch. Der Schnabel verpasste seinen Arm nur knapp, und er bohrte seine Klinge tief in den Nacken der Bestie. Während der Greif sich wand und schließlich still wurde, stand er daneben und sein Blick traf den Maieles. Der Elkin grunzte leise, aber selbst in der Dunkelheit konnte Wilem das Grinsen auf seinen Lippen erkennen.

Drei Tage später verließen die beiden die Felszunge und damit den Ort, wo der Greif seinen Horst gehabt hatte. Bei sich trugen sie neu befiederte Pfeile, einen Vorrat an Trockenfleisch und einen neuen Respekt für späte Frühlingsstürme.

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